Von Nadja Steiner.

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Wie es weiter ging… Seljas zweiter Sommer auf der Alp.

Als sie eines morgens nicht mehr aufstehen wollte, stundenlang schweratmend in Ihrem Schöpfli lag, zog ich die Notbremse. Der Sommer hatte eben erst begonnen, Selja war bereits ein Wrack und ich am Ende meiner Kräfte. Ich tat das, im Nachhinein gesehen, einzig Sinnvolle. Innerhalb von 2 Tagen organisierte ich für Selja einen Platz auf jener Alp, auf der sie bereits den letzten Sommer verbracht hatte, sowie den Transport.
Bereits 2 Wochen später entliessen wir mein geschundenes Pony auf die 2000 Meter über Meer gelegene Alpweide, die für die nächsten 3 Monate ihr zu Hause werden sollte. Schon als sie nach mehr als 3 Stunden Fahrt aus dem Pferdeanhänger kletterte, schien sie merklich aufzuatmen. Schien sie sich doch zu erinnern, hier bereits einmal beschwerdefreie und glückliche Wochen verbracht zu haben. Auch die letztjährigen Gefährten wurden sofort wieder erkannt, man schloss sich sogleich zusammen und erkundete die altbekannte Umgebung aufs Neue.

Zum ersten Mal seit vielen Wochen wirkte sie wieder glücklich und annähernd wie die Selja, die ich über den Winter kennen und lieben gelernt hatte. Mich würdigte sich keines Blickes mehr, in ihrem unverkennbaren passigen Schaukelgang zog sie von Dannen, bereit für die kommende Zeit, die bestimmt ihren ersten Jahren in Island ziemlich ähnlich ist, in Bezug auf die Lebensumstände.

Hier gehörte sie hin, mein kleines Wildpony. Die Weite, die Freiheit, Wind und Wetter ausgesetzt … das war ihre Welt aus der man sie einst ungefragt herausgerissen hatte und in die kleine Schweiz verfrachtet hatte, wo einem anhand der Enge und vielen Regeln und Grenzen schon einmal die Luft zum Atmen wegbleiben kann und man am Liebsten aus der eigenen Haut fahren möchte. Kein Wunder, ging es ihr von Jahr zu Jahr schlechter. Ob sich wohl schon einmal jemand ernsthaft die Mühe gemacht hat, herauszufinden, was in der introvertierten kleinen Stute vorgehen mag? Ob sie wohl Sehnsucht nach der Insel hat, auf der sie geboren und aufgewachsen ist, auf die sie aber Zeit Ihres Lebens nie mehr zurück kehren wird? Ob sie das wohl weiss, dass es kein Zurück mehr gibt? Kann es sein, das mein kleines Pony an Heimweh leidet, ist das so abwegig? Oder sind das allzu menschliche Gedanken, die ich mir da mache?
Wie auch immer, Selja wirkte glücklich während ihrem Alpsommer und angekommen.

Und als wir sie im Herbst wieder abholen, ist sie hustenfrei, sämtliche Wunden verheilt und mein Iseli soweit fit und wieder hergestellt! Der dicke Winterpelz zeugt davon, dass das Leben auf der Alp nicht nur ein reines Zuckerschlecken ist. Den ersten Schnee gab es bereits Anfang September, kalte Tage und extreme Wetterbedingungen gehören hier oben zur Norm.
Aber wie gesagt, Selja ist wie gemacht für dieses Leben hier oben, da gehört sie hin.
Und wenn es sein muss, werde ich den Kompromiss eingehen und sie darf künftig regelmässig ihre Sommer hier verbringen. Hauptsache, sie ist glücklich und kann hier oben gesund und beschwerdefrei die heisse Jahreszeit verbringen.
Und so der Stand der Dinge im Moment. Selja geht es gut, die Ekzemersaison ist vorbei.
Ihr Heu wird nach wie vor bedampft. Ausserdem haben wir begonnen, sie homöopathisch zu behandeln um ihr Immunsystem weiter zu stärken und aufzubauen. Ansonsten geniesst sie im Moment keine besondere Pflege. Ich bin sehr gespannt, was der kommende Sommer bringt, bin aber offen für alle Möglichkeiten, Hauptsache, unserem Iseli geht es gut dabei.

Update Juni 2019

Mittlerweile haben wir Anfang Juni und Selja geht es nach wie vor bestens. Ich staune täglich und kann es kaum fassen.
Ist das tatsächlich mein Pony, dasselbe Pony das an jenem Morgen vor gut einem Jahr schweratmend und nur noch ein Schatten ihrer selbst in ihrem Schöpfli lag?
Kaum zu glauben … Von Ekzem keine Spur, als wenn der Husten und die Atemnot nie ein Thema gewesen wäre.

Und trotzdem habe ich mich schweren Herzens dazu entschieden, dass sie auch diesen Sommer auf der Alp verbringen darf, ganz so wie ich es ihr versprochen habe.
Es fällt mir sehr schwer, sie wieder für mehrere Monate ziehen zu lassen. Ich werde mein Seelchen sehr vermissen.
Aber das war der Deal zwischen uns und wenn das der Preis ist, damit es ihr auch die restliche Zeit hier in der Enge des Alltags gut geht, dann bezahle ich ihn gerne.
Machs gut, mein kleines Wildpony! Geniess die Zeit in vollen Zügen und tanke Energie für den Rest des Jahres hier bei mir. Vergiss mich nicht, ich hab Dich lieb …

Iseli darf auch 2019 wieder auf ihre Alp…