Von Nadja Steiner.

Passend zu Aktualität und Jahreszeit möchte ich erst die Geschichte von meiner Isländerstute Selja erzählen.

Im Mai 2017 habe ich mich wieder verliebt. Diesmal in eine Isländerstute mit dem simplen Namen Selja (von uns bald schlicht Iseli gerufen) mit Sommerekzem und Heustauballergie. Wie sollte es auch anders sein, anscheinend gehörte zu meinen Auswahlkriterien, das das pferdische Objekt meiner Begierde zwingend nicht gesund sein durfte.
Auch diesmal schreckte mich der Gesundheitszustand unseres neuen Familienmitglieds keineswegs ab, im Gegenteil! Mein Ehrgeiz war geweckt, es wäre doch gelacht. Wir haben ja bereits jedermanns Schreckgespenst Hufrehe in den Griff bekommen, da wäre doch das kleine bisschen Sommerekzem ein kleiner Fisch und die Heustauballergie vernachlässigbar. Dachte ich …
Ja, ich neigte wohl ein klein wenig zur Arroganz, aber nur ein ganz kleines bisschen …. Nein, seien wir ehrlich: da ich die Geschichte mit Dorli so gut hingekriegt hatte, neigte ich wohl zum Grössenwahnsinn, hielt mich für unbesiegbar.
Schande über mich, klarer Fall von massiver Selbstüberschätzung.
Meine liebe Freundin, die sich ja nun bereits einiges von meiner Seite her gewohnt war, reagierte erneut fassungslos und wenig begeistert, anhand meiner Neuerwerbung. Sie schüttelte ungläubig den Kopf.
Nichts desto trotz stand sie mir erneut mit Rat und Tat zur Seite.
Voller Elan ging ich mein neues Projekt an.

Selja verbrachte erst einige Wochen auf der Alp. Aufgrund der Höhe von ca. 2000 m war sie da symptomfrei.

Als sie bei uns einzog, war die Ekzemersaison so gut wie vorbei und ich konnte uns 2 in aller Ruhe auf den nächsten Frühling vorbereiten.
Ab sofort bekam sie nur mageres Heu zu fressen, kein Kraftfutter und kein Heulage mehr, was bis anhin in grossen Mengen auf Ihrem Speiseplan standen.
Parallel dazu begannen wir, genau wie damals bei Dorli, mit einer Stoffwechselkur. Wir bewegten sie ausserdem regelmässig, um ihren angeschlagenen Stoffwechsel zusätzlich anzukurbeln.
So verging der Winter und als die ersten wärmeren Tage kamen und der Frühling begann, wartete ich gespannt, wann denn das mit dieser Kratzerei nun endlich losgehen würde.
Der März verging, die ersten Insekten schwirrten umher, doch alle anderen Ponies schien es mehr zu jucken als mein Ekzemerpony.
Noch immer stand sie ohne Decke, mit sich und der Welt äusserst zufrieden, als hätte es die ganze Ekzemgeschichte in Echt nie gegeben und sei vom Vorbesitzer frei erfunden.

Mein Arsenal an Pflegeprodukten, Oelen, Insektenschutzmittel und, und, und …, dass sich über den Winter angesammelt hatte, blieb unangetastet im Schrank. Auch die 4 (!) Ekzemerdecken, die ich günstig ergattert hatte, blieben unberührt.

Ja ja, mein Hang ja immer genügend Reservematerial vorrätig zu haben und wenn möglich noch zwischen verschiedenen Varianten wählen zu können, hatte mich wieder einmal leicht übers Ziel hinaus schiessen lassen.
Der April kam und die Temperaturen stiegen, statt Frühling wurde es gleich Sommer. Und immernoch von Juckreiz keine Spur.
So langsam hegte ich die ganz leise Hoffnung, das sich das Ekzem, wenn überhaupt, nur in abgeschwächter Form zeigen würde oder vielleicht, ich wagte jedoch kaum daran zu denken, sich ganz stillschweigend aus Seljas Leben verabschiedet hatte.
Ja, evtl. hatte das gefürchtete Ekzem ja schlicht und einfach verpasst, dass unser Iseli umgezogen war und einfach plötzlich nicht mehr auffindbar war.
Oder vielleicht waren die Massnahmen, die wir über den Winter getroffen hatten ja bereits jetzt äusserst erfolgreich. Obwohl ich insgeheim wusste, dass ich mindestens 1-2 Jahre Geduld haben musste, bevor sich der Stoffwechsel von meinem Iseli halbwegs regeneriert hatte, wir somit das Ekzem halbwegs in den Griff bekommen würden.
Und dann war er plötzlich da, der gefürchtete Tag X.

Dann ging es los…

Ohne vorherige Anzeichen, kein langsames Steigern … nein, von 0 auf gleich begann sich Selja eines Abends zu kratzen. Schrubbte sich mit aller Kraft an den Balken ihres windschiefen Schöpfli, das wir nur behelfsmässig für den ersten Winter in Stand gesetzt hatten. Ich fürchtete ernsthaft, bei der nächsten Kratzattacke würde es in sich zusammenfallen, wie auch meine Hoffnung schlagartig zerbrach, bezüglich Ekzem noch einmal glimpflich davon gekommen zu sein.
Obwohl ich ja bestens vorbereitet war, der Notfallplan seit Monaten stand, situationsbezogen noch verschiedene Optionen zuliess, war ich von der Heftigkeit der Symptome trotzdem überrascht, im ersten Augenblick beinahe gelähmt, unfähig etwas zu unternehmen. Obwohl ich so toll auf sämtlich Szenarien vorbereitet war…
Doch für Jammern blieb keine Zeit. Abends um 21.00 wusch ich mein gequältes Pony mit einem Basemittel ab, sprühte es mit einer Lotion aus meiner stattlichen Sammlung ein und packte sie umgehend in ihre Zebradecke, die sie fortan wieder 24 Stunden jeden Tag trug. So ungern ich das auch tat, alles andere wäre für sie eine Quälerei und unzumutbar gewesen. War doch die Ekzemerdecke das einzige, was kurzfristig und zuverlässig Linderung verschaffte.
Kaum hatte wir den Juckreiz einigermassen unter Kontrolle, begann Selja zu husten. Es begann schleichend, zu Beginn kaum wahrnehmbar. 1 oder 2 mal abhusten zu Beginn der Bewegung, das konnte man leicht überhören. Aber damit nicht genug. Bald danach kam erst klarer, dann immer weisslicher werdender Nasenausfluss dazu. Erst dünnflüssig, dann immer schleimiger, bis er es schliesslich bei der geringsten Anstrengung in Fetzen aus der Nase tropfte. Auch das gelegentliche Abhusten ging nach kurzer Zeit in häufiges Husten über den Tag verteilt über. Vor allem morgens und abends wurde Selja von heftigen Hustenanfällen geplagt.
Ich war längst alarmiert und, wie sollte es auch anders sein, bestens vorbereitet! Fix wurde das Tapetenablösegerät, das zeitgleich mit Selja bei uns eingezogen war und seit Herbst im Schrank nur darauf gewartet hatte, endlich zum Einsatz zu kommen, umgehend Bestandteil eines selbstgebauten Heubedampfungsgerät. Auch der, vorsichtshalber schon Ende letzten Jahres ergatterte, Flexineb wurde kurzerhand in Betrieb genommen. Nein, so leicht liess ich mich nicht abschrecken, wie gesagt, alles was es zur erfolgreichen Therapie eines Heustauballergikers brauchte, war bereits vorhanden. Den Pflegeaufwand, den ich ab sofort für mein Iseli betrieb, war enorm. Gott sei Dank war ich freischaffende Familienmanagerin (kurz gesagt Hausfrau und Mutter) und konnte mir meine Zeit frei einteilen. Der Tag begann nun morgens stetig früher und endete abends immer später. Der bald darauf zur Normalität werdende Erschöpfungszustand war die Quittung für meine immer länger werdenden Tage und die immer kürzer werdenden Nächte. Aber das nahm ich gerne in Kauf, sollte der imense Aufwand wenigstens bald Früchte tragen und erste Erfolge sichtbar werden.

Nur schon die tägliche Bedampferei nahm sehr viel Zeit in Anspruch. Zusätzlich 1-2 mal täglich mit dem Flexineb inhalieren, eine weitere Stunde verging hierbei mit bereit machen, inhalieren und anschliessend sämtliches Zubehör wieder zu säubern. Weiter wusch ich das Iseli täglich mit einem Basemittel ab um dem Juckreiz entgegen zu wirken und schmierte sie mit wechselnden Lotionen, z.T. selbst gebraute Wundermittel, ein. Ebenfalls regelmässig mussten die Decken gewaschen werden, waren die nach wenigen Tagen nämlich völlig verdreckt. Da ich, ganz nebenbei bemerkt, auch noch unter einem leichten Putz- und Sauberkeitsfimmel leide, gingen schmutzige Decken halt gar nicht und sie wanderten regelmässig in die Waschmaschine. Ach ja, und regelmässig bewegt musste das gute Tier ja auch noch werden, weil, wir erinnern uns, das wichtig war um ihren Stoffwechsel in Gang zu kriegen und ausserdem würde sich das, laut Expertenmeinung, auch positiv auf ihre angeschlagene Lunge auswirken.
Ich war viele Stunden täglich mit Iseli beschäftigt. Und natürlich wollte ich auf keinen Fall deswegen meine anderen Tiere, meine Familie, Haushalt und was sonst noch alles anfiel, vernachlässigen. Und so wurden die Tage länger und länger und zu meiner grossen Verzweiflung mein armes Isitier immer kränker und kränker. Völlig frustriert musste ich mir nach einigen Wochen eingestehen, das sämtlich Massnahmen, die ich konsequent jeden Tag durchführte, alles andere als den gewünschten Erfolg brachten. Im Gegenteil, beinahe täglich ging es meinem Seelchen schlechter, sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Tief deprimiert verbrachte sie viele Stunden täglich in ihrem Schöpfli, völlig apathisch, am fröhlichen Ponyleben, das Vini und Dorli tagtäglich führten, nahm sie kaum noch teil. Die Hustenanfälle wurden immer stärker, das Atmen fiel ihr zusehends schwerer und Ihr ganzes Gesicht war übersäht mit zahlreichen Wunden. Trotz der Insektenschutzmaske, die sie Tag und Nacht trug, schrubbte sie sich wie wahnsinnig hauptsächlich am Kopf, die Beine bearbeitete sie regelmässig und wie besessen mit Ihren Zähnen. Auch die wiesen zahlreiche offene und blutende Stellen auf. Alle Körperteile, die nicht durch die Decke geschützt werden konnten, sahen schlimm aus. Mein einst so hübsches Pony gab ein wahrhaft klägliches Bild ab.

Unsere Reise geht weiter … zu Teil 2.